Modul 2 - Session 1

1Modul 2 – Einführung

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Modul 2 – Erkundung, Reflexion und Wissensaufbau

Willkommen im Modul „Erkundung, Reflexion und Wissensaufbau" in einer Professionellen Lerngemeinschaft (PLG).

Das folgende Beispiel verdeutlicht, warum es als Moderator:in wichtig ist, das nötige Wissen, die Kompetenzen und die Haltung zu entwickeln, um PLG-Mitglieder in Erkundungs- und Reflexionsprozesse einzubinden, die Wissensaufbau und evidenzbasierte Entscheidungen tragen.

In einer Konferenz benennen die PLG-Mitglieder als Hauptproblem, dass viele Schüler:innen häufig Unterrichtsstörungen verursachen, etwa durch Lärm, der den Unterricht unterbricht, oder durch wiederkehrende Konflikte mit Mitschüler:innen in den Pausen. Sie nennen verschiedene Ursachen – etwa, dass Eltern ihren Kindern keine Manieren beibrächten, oder individuelle Eigenschaften der Kinder wie Aggressivität, Lernunlust oder schlechte Laune. Als Hauptstrategie schlagen sie strengere Disziplinarmaßnahmen vor.

Das Beispiel zeigt: PLG-Mitglieder treffen Entscheidungen häufig auf Basis ihres eigenen Verständnisses und Wissens, ohne zuvor zu erkunden und zu reflektieren, was tatsächlich geschieht und warum, sowie was sich wie ändern sollte. Ihre Aufgabe als Moderator:in ist es, den Mitgliedern aufzuzeigen, weshalb und wie Daten gesammelt und ihre Ergebnisse reflektiert werden – um nötiges Wissen aufzubauen und als PLG zu evidenzbasierten Entscheidungen und wirksamen Maßnahmen zu kommen.

Über drei Sessions dieses Moduls entwickeln Sie das theoretische und praktische Grundwissen, um Erkundungs- und Reflexionsprozesse in einer PLG zu unterstützen und das berufliche Lernen sowie den Wissensaufbau der Mitglieder zu begleiten. In Session 4 reflektieren Sie das Gelernte und überlegen, wie Sie es in Ihrem PLG-Kontext nutzen können.

Ziel der Sessions ist, dass Sie folgende Lernergebnisse erreichen:

Erkundung und Reflexion:

  • Verstehen, wie Erkundung und Reflexion das berufliche Lernen in einer PLG fördern.
  • Forschung anregen sowie die Entwicklung von Erhebungsinstrumenten und die Datenanalyse unterstützen.
  • Mitglieder dabei begleiten, Praxis zu reflektieren und Daten für die Bewertung von Praxis, fundierte Entscheidungsfindung und Planung zu nutzen.

Lernen und Wissensaufbau:

  • Lernen und kollaborativen Wissensaufbau durch Ressourcenaustausch und dialogische Praktiken in PLGs fördern.
  • Die gemeinschaftliche Identifikation von Wissenslücken und beruflichen Lernzielen moderieren.
  • Kollaborativen Dialog, kollegiale Hospitationen und gemeinsame Reflexion anstoßen und unterstützen, um die Wissensbasis der Gruppe zu erweitern.

In Session 1 erfahren Sie, warum Erkundung und Reflexion notwendig sind, was sie umfassen und wie sie in einer PLG moderiert werden können. Die Beziehung zwischen Erkundung und Reflexion wird am Beispiel der Aktionsforschung illustriert – als Rahmen, der diese Wechselwirkung trägt, um kritisches Bewusstsein und evidenzbasierte Entscheidungsprozesse in der PLG zu fördern.

In Session 2 lernen Sie, wie Sie als Moderator:in PLG-Mitglieder bei der Gestaltung ihrer Erkundung und Reflexion begleiten. Sie erwerben Grundwissen darüber, wie Sie Mitglieder bei der Formulierung von Forschungsfragen sowie beim Entwerfen oder Auswählen geeigneter Erhebungsinstrumente unterstützen.

Session 3 macht den Zusammenhang zwischen Erkundung und Reflexion sowie zwischen Reflexion und Wissensaufbau praktisch erfahrbar. An einer Praxisaktivität wird gezeigt, wie Sie als Moderator:in einen datengestützten Dialog, das Entwickeln gemeinsamer Verständigung sowie ein evidenzbasiertes Design pädagogischer Maßnahmen begleiten, um ein Problem zu lösen oder eine Bildungssituation zu verbessern.

Session 4 hilft Ihnen, das in den vorangegangenen Sessions Erlernte zu reflektieren und zu überlegen, wie es Ihre bisherige Moderationspraxis verändern kann. Über Selbsteinschätzung, Reflexion und praktische Erkundungsplanung verdichten Sie Ihr Lernen, identifizieren Wachstumsfelder und entwerfen einen persönlichen Fahrplan für Ihre Weiterentwicklung als PLG-Moderator:in, die evidenzinformiertes, kollaboratives Lernen und nachhaltigen Wandel trägt.

2Session 1: Erkundung und Reflexion als notwendige Prozesse in einer PLG einführen

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1. Einführung

Wie sehen Sie Ihre Rolle als PLG-Moderator:in? Würden Sie zustimmen, dass Ihre Aufgabe vor allem darin besteht, PLG-Mitglieder in ihrem Denken und Handeln zu begleiten, ihnen Orientierung und praktische Lösungen anzubieten und ihnen zu Entscheidungen und Maßnahmen Rückmeldung zu geben?

Würden Sie Ihre Rolle anders beschreiben?

Falls nicht – wie können Sie sicher sein, dass:

– die Entscheidungen, die PLG-Mitglieder treffen, auf einer Erkundung dessen beruhen, was geschieht und warum, sowie auf dem Bewusstsein, was sich wie ändern sollte?

– die PLG-Mitglieder lernen können, indem sie die Ergebnisse ihrer gemeinsam getroffenen Entscheidungen kritisch reflektieren?

In diesem Abschnitt lernen Sie, wie sich Ihre Rolle als Moderator:in von der einer „Lieferantin" oder eines „Lieferanten" von Anweisungen und Lösungen unterscheidet. Ihre Aufgabe ist es, PLG-Mitglieder dabei zu unterstützen, ein tiefes Verständnis ihrer Praxis zu entwickeln, Räume zu schaffen, in denen Selbstverständliches überdacht werden kann, und sie zu einer evidenzbasierten Gestaltung notwendiger Maßnahmen zur Lösung von Problemen oder zur Verbesserung von Situationen anzuregen. Bewusstsein, Verständnis und die Fähigkeit zu evidenzbasierten Entscheidungen entstehen, wenn PLG-Mitglieder in Erkundungs- und Reflexionsprozesse eingebunden werden – als Bestandteile beruflichen Lernens und Entscheidens.

Diese Session unterstützt Sie konkret dabei zu klären, was Erkundung und Reflexion sind, warum sie nötig sind, was sie umfassen und wie Sie sie in einer PLG wirksam begleiten können.

Dazu arbeiten Sie an folgenden Lernergebnissen:

  • Verstehen, wie Erkundung und Reflexion das berufliche Lernen in einer PLG fördern.
  • Erkundung als notwendigen Prozess beruflichen Lernens identifizieren.
  • Sich mit dem Prozess reflexiven Denkens und Handelns vertraut machen.
  • Sich mit Rahmenmodellen vertraut machen, die Erkundung und Reflexion mit fundierter Entscheidungsfindung, Planung und Praxisbewertung verbinden (Aktionsforschung).

Link zu den Lernergebnissen: LeaFaP Learning Outcomes (englisch)

32. Lernen

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In diesem Abschnitt erkennen Sie den Unterschied, den Erkundung und Reflexion machen, wenn PLG-Mitglieder sie nutzen, um ihr Verständnis und ihre Entscheidungen zu leiten. Anhand eines konkreten Beispiels erhalten Sie schrittweise Hinweise, wann und wie sich Erkundung und Reflexion in der PLG einführen lassen. Außerdem wird Aktionsforschung als Rahmenmodell vorgestellt, das zeigt, wie das berufliche Lernen unter PLG-Mitgliedern gestützt werden kann, wenn sich Erkundung und Reflexion in einer kontinuierlichen Spirale aus PLG-Wachstum und -Fortschritt wechselseitig befruchten. 

42.1 Warum sind Erkundung und Reflexion in einer PLG notwendig?

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PLG-Fallreflexion

Im Folgenden lesen Sie, wie zwei verschiedene Schulen mit demselben Anliegen in ihrer PLG-Arbeit unterschiedlich vorgegangen sind.

1. Fall

Die PLG-Mitglieder sind unzufrieden mit der Beteiligung der Schüler:innen im Unterricht. Diese sind häufig unaufmerksam, manche stören mit Lärm, einige kommen unvorbereitet (Hausaufgaben fehlen). Die PLG-Mitglieder führen das auf mangelndes Lerninteresse, Lernlücken aus früheren Jahren und fehlende familiäre Unterstützung zurück. Sie beschließen, strenger aufzutreten, um Unterrichtsstörungen zu vermeiden, und Sanktionen für unvorbereitet erscheinende Schüler:innen einzuführen.

2. Fall

Die PLG-Mitglieder sind unzufrieden mit der Beteiligung der Schüler:innen im Unterricht. Diese sind häufig unaufmerksam, manche stören mit Lärm, einige kommen unvorbereitet. Die PLG möchte erkunden, warum das geschieht. Sie entscheidet gemeinsam, die Schüler:innen anonym in einem Fragebogen zu bitten, was ihnen am Unterricht gefällt und was nicht, ob sie Lernschwierigkeiten haben, welche Unterstützung sie brauchen und welche Verbesserungen sie vorschlagen. Einige Schüler:innen geben an, dass sie dem Unterricht nicht folgen können, weil er für sie zu schwer ist; andere bemerken, dass manche Lehrkräfte stärker darauf achten, den Stoff rechtzeitig durchzunehmen, statt allen das Verständnis zu ermöglichen; wieder andere, dass sie mehr Bedenkzeit brauchen, bevor sie auf Lehrerfragen antworten. Auf dieser Grundlage entscheidet die PLG, ihre Methoden zu verändern, Gruppenarbeit zu fördern und den Unterrichtsprozess stärker zu differenzieren, um den Bedürfnissen der Schüler:innen besser zu entsprechen.

Ihre Aufgabe

Identifizieren Sie, warum jede PLG einen anderen Weg eingeschlagen hat und was die unterschiedlichen Entscheidungen beeinflusst hat – obwohl beide PLGs vor dem gleichen Problem standen.

Anleitung

  1. Lesen Sie die beiden Fälle noch einmal sorgfältig.
  2. Nutzen Sie die folgenden Fragen, um die Unterschiede in den Entscheidungsprozessen herauszuarbeiten:
    • Auf welcher Grundlage hat jede PLG entschieden, wie mit der mangelnden Beteiligung umgegangen werden soll?
    • Wer hat in welchem Fall diese Informationen geliefert?
    • Wie wurden die Informationen jeweils erhoben?
    • Welche Möglichkeiten hatten die Mitglieder in den beiden Fällen, ihre eigenen Annahmen darüber, was sich ändern sollte und warum, zu reflektieren oder zu hinterfragen?
    • Auf welcher Grundlage konnten sich die PLG-Mitglieder in jedem Fall sicherer fühlen, dass die gewählten Strategien dem Problem angemessen begegnen?
  3. Fassen Sie zusammen, worin der grundlegende Unterschied zwischen den beiden Fällen besteht und warum dieser Unterschied die Entscheidungen und Maßnahmen jeder PLG prägt.
  4. Klicken Sie auf „Feedback", um Ihre Überlegungen mit der vorgeschlagenen Analyse zu vergleichen.

5Feedback

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62.2 Erkundungs- und Reflexionsprozesse in einer PLG organisieren und strukturieren

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Erkundung und Reflexion in der PLG

In diesem Abschnitt wird dasselbe Beispiel genutzt, um weiter zu klären, was Erkundung in unterschiedlichen Phasen der PLG-Entwicklung umfassen kann und wie Sie als Moderator:in unterschiedliche Erkundungs- und Reflexionsprozesse während der PLG-Entwicklung unterstützen können.

Der erste Bedarf für Erkundung ergibt sich daraus, dass eine PLG nie eine homogene Gruppe ist: Die Mitglieder bringen unterschiedliche Vorstellungen, Überzeugungen, Verständnisse, Ressourcen und Praktiken mit. Im selben Beispiel – mangelnde Beteiligung der Schüler:innen im Unterricht – ist es wichtig, dass Sie als Moderator:in die unterschiedlichen Sichtweisen, Wissensstände und Ressourcen sichtbar machen und die Reflexion über die unterschiedlichen Ausgangspunkte der Mitglieder anregen.

Der erste Schritt der Erkundung kann also sein, ganz zu Beginn der PLG-Arbeit die anfänglichen Verständnisse, Vorschläge und Praxisansätze der Mitglieder zum Anliegen zu erkunden.

Folgende Fragen können eine solche Erkundung stützen:

  • Was genau beschäftigt Sie an der Beteiligung der Schüler:innen im Unterricht?
  • Warum sehen Sie das als Problem?
  • Worin sehen Sie Ursachen?
  • Welche Lösungen schlagen Sie vor?

Da Zeit in PLG-Sitzungen knapp ist, beantworten Mitglieder diese Fragen am besten einzeln in einem Online-Formular. Sie als Moderator:in werten die Antworten aus, suchen Gemeinsamkeiten und Unterschiede und teilen sie anschließend mit der Gruppe.

Fragen zur Anregung der Reflexion nach dieser Präsentation können sein:

  • Welche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede sehen Sie in unseren Antworten?
  • Wo stimmen wir überein, wo unterscheiden wir uns?
  • Warum stimmen wir in … überein und/oder unterscheiden wir uns in …?

Ergebnis dieses Erkundungs- und Reflexionsprozesses ist, sich der geteilten Verständnisse und der wesentlichen Unterschiede zwischen den Mitgliedern bewusst zu werden und einen fokussierten Dialog zu ermöglichen.

Der zweite Schritt von Erkundung und Reflexion fokussiert die Erhebung konkreter Informationen, die beschreiben und erklären, was tatsächlich geschieht – wann, wie und warum. Es ist sinnvoll, Informationen aus mehreren Perspektiven zu erheben (PLG-Mitglieder, Schüler:innen, Eltern), um ein vollständigeres Verständnis des Anliegens zu gewinnen.

Folgende Fragen können diese Erkundung stützen:

  • Was möchten wir über die mangelnde Beteiligung der Schüler:innen genauer wissen?
  • Wen sollten wir befragen? (z. B. Schüler:innen, Eltern, Kolleg:innen, Personen aus dem Umfeld)
  • Wie stellen wir sicher, dass alle Perspektiven vertreten sind?

Fragen zur Anregung der Reflexion, nachdem die Daten erhoben und ausgewertet wurden:

  • Welche Faktoren beeinflussen diese Situation auf Basis der vorliegenden Evidenz? (z. B. Schulkultur, Praktiken der Lehrkräfte, bildungspolitische Vorgaben, gesellschaftliche Kontexte)
  • Teilen alle Beteiligten (z. B. Schüler:innen, Eltern, Kolleg:innen, Personen aus dem Umfeld) dieselbe Sicht auf die einflussreichen Faktoren? Warum oder warum nicht?
  • Wie können wir sicherstellen, dass die erhobenen Informationen die Ziele, Inhalte und Wege unserer Maßnahmen leiten?

Ergebnis dieses Erkundungs- und Reflexionsprozesses ist, dass die PLG ihre Maßnahmen auf konkreter Evidenz und auf einem systematisch gewonnenen Verständnis aufsetzt.

Schließlich ist es wichtig, Erkundung und Reflexion über die umgesetzten Maßnahmen zu unterstützen, um deren Wirksamkeit zu bewerten, zu begründen und Verbesserungen abzuleiten.

7Aktivität

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Versuchen Sie, eigene Fragen als Impulse für PLG-Mitglieder zu entwerfen, mit denen Erkundung und Reflexion in der Phase der Umsetzung und Evaluation der gewählten Maßnahmen gestützt werden.

Fragen für die Erkundung:

Hinweis: „Antworten speichern" legt Ihren Text im Browser ab (localStorage), so dass er beim Neuladen erhalten bleibt.

Fragen für die Reflexion:

Hinweis: „Antworten speichern" legt Ihren Text im Browser ab (localStorage), so dass er beim Neuladen erhalten bleibt.

Selbstprüfung:

Vergleichen Sie Ihre Fragen mit den Beispielen in Abschnitt „3. Implementation and Evaluation of PLC interventions" des „PLC Inquiry & Reflection Guide", den Sie hier herunterladen können (englisch).

8Infografik

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Die folgende Infografik dient als visuelle Zusammenfassung der verschiedenen Wege, auf denen Sie PLG-Mitglieder in Erkundung und Reflexion in unterschiedlichen Phasen der PLG-Entwicklung einbeziehen können. Beachten Sie: Jede Erkundung verfolgt eigene Zwecke und führt zu unterschiedlichen Reflexionsschwerpunkten. Zu Beginn der PLG fokussiert der erste Schritt der Erkundung die anfänglichen Überzeugungen und Praktiken der Mitglieder zum Anliegen sowie das Erkennen von Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Der zweite Schritt erkundet den Bildungskontext und die unterschiedlichen Perspektiven auf das Anliegen, um Ursachen und Einflussfaktoren zu identifizieren. Dieses Wissen hilft, festzulegen, was sich wie ändern muss, und damit die PLG-Maßnahmen zu planen. Der dritte Schritt der Erkundung – in späteren Phasen – fokussiert wirksame und unwirksame Maßnahmen sowie die Gründe für ihre Wirksamkeit, um auf Basis des gewonnenen Wissens neu zu planen. (Die Beschriftungen der Infografik liegen in englischer Sprache vor.)  

                                                                          

9Weitere Beispiele

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Brauchen Sie weitere Beispiele, wie Sie Erkundung und Reflexion in der PLG als Voraussetzungen für fundierte Entscheidungen einführen können? 

Besuchen Sie die LeaFaP-Webseite und sehen Sie sich die Aktivität an: https://www.leafap.eu/wp-content/uploads/2025/06/10_Inquiry-and-reflection_English.pdf (englisch)